Über Raestrup

Hier findest Du interessante Auszüge aus der Geschichte der Bauerschaft Raestrup.

Woher kommt der Name „Raestrup“?

Woher kommt der Name „Raestrup“ für die Bauerschaft mitten im Münsterland?

  • Radistharpa Azlin (11. Jhdt. n. Chr.)
  • Rastorpe (um 1500 n. Chr.)
  • Raestrup (mit Dehnungs-e wahrscheinlich ab dem 17. Jhdt.)
  • Raestrup (wie –torpe und „Drubbel“: aus Einzel- und Doppel-hofsiedlungen durch Hofteilung und Zusiedlung entstanden); diese Endung von Ortsnamen ist im Münsterland verbreitet.

Die Geschichte Raestrups

Kurzüberblick

Die Bauerschaft Raestrup entwickelte sich über Jahrhunderte ohne übergeordneten Siedlungsplan. Ihre Struktur entstand organisch aus landwirtschaftlichen Betrieben, sozialen Gegebenheiten und kulturellen Eigenheiten. Bis heute ist Raestrup eine typische münsterländische Streusiedlung, in der die Höfe das Rückgrat von Besiedlung und Infrastruktur bilden.

Historisch gehörte Raestrup gemeinsam mit den Bauerschaften Berdel, Schwienhorst, Vechtrup und Verth zur selbstständigen Gemeinde Kirchspiel Telgte (auch „Landgemeinde Telgte“). 1968 wurde diese in die Stadt Telgte eingemeindet. Seit der kommunalen Neuordnung von 1975 gehört Telgte zum Kreis Warendorf (zuvor: Kreis Münster).

Stadt und Kirchspiel Telgte im 19. Jahrhundert (Quelle: Reg. Bez. Münster)

Mit der Eröffnung der Eisenbahnlinie Münster–Warendorf im Jahr 1887 und dem Bahnhof Raestrup-Everswinkel entstand am östlichen Rand der Bauerschaft eine kleine Siedlung, ein sogenanntes Straßendorf. Der Bahnhof ist inzwischen stillgelegt, bis heute umfasst dieser Bereich rund 25 Wohnhäuser und fünf Gewerbebetriebe.

Bis zur Gründung des Raestruper Gemeindehaus e. V. (RGH) im Jahr 2015 war Raestrup in der lokalen Politik und Öffentlichkeit kaum wahrnehmbar. Es gab keine systematische Entwicklungsplanung und kaum Investitionen.
Mit dem Engagement des Vereins änderte sich das grundlegend: Heute steht Raestrup im regelmäßigen Austausch mit Rat und Verwaltung der Stadt Telgte und ist als aktiver „Ortsteil“ sichtbar geworden

Im Jahr 2017 lebten in Raestrup – einschließlich Besterfeld und Delsene Heide – 567 Personen.

Vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert

Mit der Christianisierung des Münsterlandes und der Gründung des Bistums Münster im Jahr 805 gewann das Kloster Freckenhorst großen Einfluss auf die Region. Die Raestruper Höfe waren abgabenpflichtig und eng in diese kirchliche Grundherrschaft eingebunden.

Bereits im 11. Jahrhundert ist im Heberegister des Klosters der Hof „Radestorpe“ (heute Hof Tyrell, früher Schulze Raestrup) belegt. Während des Dreißigjährigen Krieges erlitt der Hof schwere Verluste. Wie den Ortschaften und Höfen im ganzen heutigen Kreis Warendorf wurde im dreißigjährigen Krieg dem Gut Raestrup durch plündernde Truppen dem Gut 47 Pferde geraubt und oft fünf bis sechs Kühe auf einmal geschlachtet (1).

Hof Schulze Raestrup (heute Tyrell) in Telgte
Das Torhaus (1848) des umgräfteten Hofes (2)

Ein weiterer bedeutender Hof ist das heutige Haus Lohfeld (ehemals Hof Wiggering), der bereits im 14. Jahrhundert erwähnt wird. Er gehörte ursprünglich zur Bauerschaft Lakestyn, die im 16. Jahrhundert aufgelöst und Raestrup sowie Müssingen zugeteilt wurde.

Ausbau des Wohnhauses 1908. Die zeitgenössische Postkarte wurde von der Familie der Bewohner verschickt und zeigt das Haus inmitten einer aufwändigen sommerlichen Gartenanlage.

Durch Grundstücksverkäufe aus dem Besitz Lohfeld entstanden rund um den Bahnhof ab 1887 die ersten Häuser der heutigen Bahnhofssiedlung.

Am 8.Februar 1887 wurde die Bahnlinie Münster-Warendorf eröffnet. Sie brachte Raestrup Anschluss an die Region und förderte erstmals eine dichtere Siedlungsentwicklung rund um den Bahnhof.

Raestrup im 20. Jahrhundert

Die Schule

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erhielt Raestrup eine eigene Volksschule, da die Schulen in Telgte überfüllt waren. Trotz anfänglicher Ablehnung der Bevölkerung wurde 1904 mit dem Bau begonnen. Der Landwirt Johann Renfert stellte das Grundstück zur Verfügung.

Die Schule wurde 1905 eröffnet und blieb bis 1970 in Betrieb. Besonders in den Jahren 1944 bis 1948 herrschten schwierige Bedingungen: Bis zu 91 Kinder wurden in einem Klassenraum unterrichtet. Im letzten Kriegsjahr fand der Unterricht teilweise auf umliegenden Höfen statt.

Die alte Landschule im Jahr 1905

Heute ist in der alten Schule die Jugendhilfe Raestrup e.V. untergebracht.

Der lange Weg zu einer eigenen Kirche

Anfang des 20. Jahrhunderts wünschten sich die Raestruper eine eigene katholische Kirche. Die Wege zu den Nachbarkirchen waren vielen zu weit und je nach Wetterlage nur schwer begeh- oder befahrbar. Im Jahr 1921 gründete sich daher ein Theaterverein, der später zum Kapellenbauverein wurde, um Geld für den Bau einer Kapelle zu sammeln. Ein entsprechendes Gesuch an den Bischof von Münster wurde jedoch 1924 abgelehnt. Ein wesentlicher Grund für diese Entscheidung war unter anderem die Uneinigkeit innerhalb der Gemeinde darüber, wo die Kapelle errichtet werden sollte – entweder in der Nähe der Schule oder beim Bahnhof.

Trotz dieser Rückschläge lebte der Wunsch nach einer eigenen Kirche weiter.

Die Hyperinflation 1929 sowie später die NS-Diktatur und der Zweite Weltkrieg machten jedoch jede weitere Planung zunichte. In der kriegsbedingten Notsituation erhielt Raestrup schließlich vom Münsteraner Bischof Clemens August Graf von Galen die Erlaubnis, ab dem 1. November 1944 auf dem Hof der Familie Rusche die Eucharistie zu feiern. Dies wurde zum „zündenden Funken“. Unmittelbar nach Kriegsende organisierten der Kapellenbauverein und Kaplan Paul Halbe aus Telgte mit Unterstützung der britischen Armee eine Baracke des ehemaligen Reichsarbeitsdienstes. Sie wurde als erste „Notkapelle“ im Bistum Münster errichtet. Bauer Rusche stellte dafür das Grundstück zur Verfügung. So konnte am 12. August 1945 mit bischöflicher Genehmigung die Kapelle „St. Sebastian in der Wiese“ eingeweiht werden.

Notkapelle „St. Sebastian in der Wiese“, 1945. Ab 1976 pachtete die Schützengilde Raestrup e.V. den Barackenbau bis 2024 für Ihre Schützenfeste.

Zum Ende des Krieges und in den Jahren danach lebten in Raestrup viele Evakuierte aus ausgebombten Städten sowie Vertriebene, die in den Familien des Ortes Aufnahme fanden. 1957 nahm der Kapellenbauverein seine Arbeit wieder auf: Es war zu befürchten, dass die Lebensdauer der St. Sebastian-Kapelle nur noch begrenzt sei. Im selben Jahr gründete sich der  Raestruper Kirchenchor, der bis heute an besonderen Festtagen und zu besonderen Anlässen auftritt.

Westfälische Nachrichten vom 14.11.1957

Um die Baugenehmigung wurde heftig gerungen, aber schließlich erteilten die zivilen und kirchlichen Stellen Ende 1960 die Baugenehmigung für die Kirche in Raestrup. 

Mit dem Bau war ihre Bestimmung verbunden als Kraftfahrerkapelle der Verkehrstoten und im Verkehr Verletzten zu gedenken, denn mit dem Wiederaufbau und dem wachsenden Wohlstand in Deutschland stieg die Zahl der Straßenfahrzeuge stark an, aber auch die der Verkehrsunfälle.

Die Kapelle wurde nach Plänen des früheren Diözesanbaumeisters im Bistum Essen, Eberhard Kleffner und seiner Ehefrau Christa, die auch die örtliche Bauleitung übernommen hatte, errichtet.

Raestruper Kraftfahrer-Kapelle St. Christophorus (Foto: Alfred Bolle, 2020)

Zu der zeltförmigen Konstruktion inspirierte das Dach über dem Altar des Eucharistischen Weltkongresses in München von 1960.

Am 10. Dezember 1961, dem zweiten Adventssonntag, wurde der Grundstein für die Kraftfahrerkapelle gelegt. Am 8. Dezember 1963, ebenfalls am zweiten Adventssonntag, wurde die fertiggestellte Turmkapelle mit dem Bildnis der Schmerzensmutter in Raestrup eingesegnet und als Gedenkstätte für die Opfer des Straßenverkehrs der Öffentlichkeit übergeben. Am selben Tag fand auch die erste Fahrzeugsegnung statt. Die feierliche Einweihung der Kapelle erfolgte am 10. Mai 1964. 

Am 25. Mai 2014 begingen die Raestruper und Telgter gemeinsam mit dem Münsteraner Bischof Dr. Felix Genn das 50-jährige Bestehen der Kapelle.

Im November 2023 kam es überraschend zum „vorläufigen Aus“ der Nutzung der Kapelle. Bei der Installation einer neuen Beleuchtung für den Kirchenraum wurden im Advent 2023 schwerwiegende Schäden an der hölzernen Dachkonstruktion festgestellt – es bestand Einsturzgefahr. Seitdem feiern die Raestruper ihre Gottesdienste im „Exil“ in der Krankenhauskirche des St.-Rochus-Hospitals in Telgte.

Das Schicksal der Raestruper Kapelle – Profanierung oder Instandsetzung – ist derzeit noch offen (Stand: Januar 2026).

Die „Schützengilde Raestrup 1931“

Im Jahr 1931 wurde die "Schützengilde Raestrup“ gegründet. In den nächsten Jahren blühte die Schützengilde auf und die Zahl der Mitglieder wuchs ständig. Von Anfang an war die Familie Schlieper mit der "Schützengilde Raestrup" verbunden. Nach 1933 nahmen die Nationalsozialisten großen Einfluss auf das Vereinsleben, besonders auf die Organisation und den Ablauf von Vereinsaktivitäten. In Raestrup hielt die nationalsozialistische Vereinspolitik erst im Jahre 1936 Einzug. Im Jahre 1939 fand das vorläufig letzte Schützenfest statt.

Auf Anordnung der britischen Militärregierung durfte 1945-1947 kein Schützenfest gefeiert werden. Im Jahr 1949 nahm die Wiederbelebung der "Schützengilde" seinen Anfang. Besonderen Dank galt dem "Vorkriegs-Majestäten" von 1939, Gerhard Vogt. Durch den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges trug der inzwischen pensionierte Reichsbahnbeamte, der ein ganzes Jahrzehnt die Bürde des Raestruper Schützenkönigs getragen hatte, eine große innere Verantwortung und wurde zum ersten Schützenfest nach dem schrecklichen Krieg in einer besonderen Weise geehrt.

Im Jahr 2006 feierte die Schützengilde ihr 75-Jährige Bestehen, welches ebenfalls großen Anklang bei einer Vielzahl von Gastvereinen aus dem Umland fand.

2022 wird die Damengarde Raestrup gegründet. 15 Frauen aus Raestrup sowie dem engeren Umkreis bildeten den Anfang, seitdem ist die Zahl der Damen der Garde gewachsen.

Nach Auslaufen des Pachtvertrages der Schützenhalle (ehemalige Notkapelle) feierte die Schützengilde an Christi Himmelfahrt 2025 ihr Schützenfest erstmals auf dem Grundstück des neuen RGH-Gemeindehauses.

Raestrups Start ins 21. Jahrhundert

Ein Viertel des 21. Jhdt. ist vorüber. Doch diese 25 Jahre waren turbulente Geburtsjahre einer sich weiterhin schnell und stark verändernden und immer mehr verzahnten Welt in allen Lebensbereichen: Gesellschaftlich, kulturell, politisch, wirtschaftlich und in Forschung und Entwicklung. Einerseits schafft dies Kreativität und positiven Fortschritt, andererseits erwachsen aus ihr Spannungen bis hin zu Verwerfungen gemeinsam getragener Errungenschaften und weltweit sogar als Auslöser gewaltsamer Konflikte. 

Nun ist Raestrup nicht die Welt, sondern ein Mikrokosmos in einer Region und in einem Land, in dem die Strukturen und das soziale Gefüge im Großen und Ganzen als stabil gelten.

Und dennoch ist auch die Bauerschaft von Auswirkungen aus Entwicklungen und Ereignissen nicht unberührt geblieben!

So stellten die Raestruper fest, dass ihnen im Laufe von Jahrzehnten Infrastruktur abhanden gekommen war und Entwicklung und Fortschritt an ihnen vorbeigingen. Erst mit der Gründung des RGH und den neu geschaffenen Verbindungen zu Rat und Verwaltung der Stadt Telgte, zu Parteien und Vereinen läuteten die Wende ein. Insbesondere ist dies aus dem Dorfinnentwicklungskonzept für Raestrup von 2016/2017 ersichtlich, z. B. aus den Projektansätzen „Raestrup mit Highspeed in die Zukunft“ (Ausbau des Glasfaser- bzw. Vektoring-Netzes), „Erweiterung der Wasserversorgung“, Bau eines „Multifunktionalen Dorfgemeinschaftshauses“.

Raestrup erfüllt längst alle Voraussetzungen, um Ortsteil der Stadt Telgte zu sein und nicht länger „Bauerschaft im Außenbereich“. Die Umsetzung kann bis heute nicht erfolgen, weil damit teure infrastrukturelle Investitionen verpflichtend sind. Andererseits verhindert das Aussetzen der Umwandlung in einen Ortsteil z. B. neues Bauland für Raestrup.

Auswirkungen aus weltweiten Ereignissen bekam Raestrup zu spüren als auch in Deutschland die Corona-Pandemie 2020 ausbrach und es zum Lockdown kam. Es kam zu Materialknappheit infolge international gestörter Handelsprozesse und schnell wachsender Preise für viele Materialien. Dies zwang den RGH seine ursprünglichen Baupläne für das Gemeindehaus zu revidieren und ein kleineres Haus zu planen, für das dann wiederum eine neue Baugenehmigung beantragt werden musste. Somit trug Corona mit all ihren Begleiterscheinungen zu einer Verzögerung der Fertigstellung des Gemeindehauses bis 2025 bei.


(1): Quelle: Karl-Wilhelm Bornemann, „Dem Gut Raestrup wurden 47 Pferde geraubt“, in: Jahrbuch des Kreises Warendorf, 1998

(2): Quelle: HAUSFORSCHER unterwegs: Bauen und Bauten des niederen Adels in Nordwestdeutschland